Wer barrierefreie PDFs erstellt oder prüft, stößt früher oder später auf ein verwirrendes Phänomen: In Adobe Acrobat existieren mehrere Panels, die alle irgendwie mit der „Reihenfolge" von Inhalten zu tun haben — das Tags-Panel, das Inhalt-Panel und das Lesereihenfolge-Panel (Order Panel). Doch welche Reihenfolge ist die „richtige"? Welche nutzen Screenreader? Und warum können diese Reihenfolgen überhaupt unterschiedlich sein?
Dieser Leitfaden beleuchtet die verschiedenen Reihenfolgekonzepte in PDF-Dokumenten, ordnet sie normativ ein und zeigt, welche assistiven Technologien welche Reihenfolge auswerten.
Ein Dokument, mehrere Reihenfolgen
PDF-Dokumente können — anders als HTML-Dokumente — mehrere parallel existierende Strukturen enthalten, die jeweils eine eigene Reihenfolge der Inhalte definieren. Diese Strukturen entstanden historisch bedingt und dienen unterschiedlichen Zwecken. Für die Praxis ist entscheidend: Zwei dieser Reihenfolgen lassen sich aktiv steuern, eine dritte ergibt sich als Nebenprodukt.
Tag-Struktur
Die Tag-Struktur ist das semantische Rückgrat eines barrierefreien PDFs. Sie wird im sogenannten Structure Tree gespeichert, einem hierarchischen Baum aus Strukturelementen, der im PDF als StructTreeRoot-Objekt verankert ist.
Die Lesereihenfolge ergibt sich aus einer Tiefensuche (Depth-First Traversal) durch diesen Baum: Beginnend beim Wurzelelement werden nacheinander alle Kindelemente in der Reihenfolge ihrer K-Array-Einträge besucht. Diese Reihenfolge bestimmt, in welcher Sequenz Screenreader und andere assistive Technologien die Inhalte präsentieren.
In Adobe Acrobat Pro wird die Tag-Struktur im Accessibility-Tags-Panel dargestellt (deutsch: „Tags für die Barrierefreiheit"). Um das Panel einzublenden:
- Acrobat Pro 2024+: Hamburger-Menü (☰) → Ansicht → Einblenden/Ausblenden → Seitenfenster → Tags für Barrierefreiheit. Alternativ: Rechtsklick auf eine leere Stelle im Navigationsfenster rechts → „Tags für die Barrierefreiheit" auswählen.
- Ältere Versionen: Ansicht → Einblenden/Ausblenden → Navigationsfenster → Tags für die Barrierefreiheit.
Die vertikale Anordnung der Tags im Panel entspricht der logischen Lesereihenfolge: Von oben nach unten durchlaufen entspricht der Tiefensuche durch den Structure Tree.
Diese Reihenfolge ist direkt steuerbar — sowohl in Erstellungsanwendungen (über spezielle Panels wie das Artikel-Panel in Adobe InDesign oder das Lesereihenfolge-Panel in Microsoft PowerPoint) als auch nachträglich in Adobe Acrobat Pro über das Tags-Panel.
Order-Panel-Reihenfolge
Das Lesereihenfolge-Panel (Order Panel bzw. Reading Order Panel) in Adobe Acrobat Pro ist ein Werkzeug zur Visualisierung und Reparatur von Reihenfolge-Problemen. Es zeigt nummerierte Bereiche auf der Seite an, die sogenannten Page Content Groups.
Um das Order-Panel einzublenden:
- Acrobat Pro 2024+: Rechtsklick auf eine leere Stelle im Navigationsfenster rechts → „Order" bzw. „Reihenfolge" auswählen. Alternativ über das Reading-Order-Tool: Alle Werkzeuge → Für Barrierefreiheit vorbereiten → Lesereihenfolge festlegen → Schaltfläche „Reihenfolge-Fenster einblenden".
- Ältere Versionen: Ansicht → Einblenden/Ausblenden → Navigationsfenster → Reihenfolge.
Wichtig zu verstehen: Das Lesereihenfolge-Panel ist ein proprietäres Adobe-Werkzeug, keine standardisierte Alternative zur Tag-Struktur. Es zeigt eine gruppierte Darstellung der Seiteninhalte, die auf dem Content Stream basiert, aber nicht identisch damit ist.
Diese Reihenfolge ist steuerbar — in Erstellungsanwendungen indirekt über die Ebenen- oder Objektreihenfolge (dazu mehr im Abschnitt Reihenfolgen in Erstellungsanwendungen steuern), in Acrobat Pro direkt über das Lesereihenfolge-Panel durch Drag-and-Drop oder Ausschneiden / Einfügen.
Content-Stream-Reihenfolge
Jede PDF-Seite enthält einen sogenannten Content Stream — eine Sequenz von Zeichenoperationen, die festlegen, wie Text und Grafiken auf der Seite gerendert werden. Die Reihenfolge dieser Operationen im Stream bestimmt unter anderem die visuelle Stapelreihenfolge (Z-Order): Was zuerst gezeichnet wird, liegt „unten", spätere Elemente überdecken frühere.
In Adobe Acrobat Pro wird der Content Stream im Inhalt-Panel sichtbar:
- Acrobat Pro 2024+: Hamburger-Menü (☰) → Ansicht → Einblenden/Ausblenden → Seitenfenster → Inhalt.
- Ältere Versionen: Ansicht → Einblenden/Ausblenden → Navigationsfenster → Inhalt.
Diese Reihenfolge ist nicht direkt steuerbar. Der Content Stream ist ein technisches Implementierungsdetail des PDF-Exports — er ergibt sich aus der Art und Weise, wie die Erstellungsanwendung die Seiteninhalte in das PDF schreibt. Das Inhalt-Panel in Acrobat ist primär eine Ansicht zur Analyse, keine Bearbeitungsschnittstelle für die Reihenfolge.
Die gute Nachricht: Für die Barrierefreiheit ist der rohe Content Stream weniger relevant als die Order-Panel-Reihenfolge. Das Lesereihenfolge-Panel abstrahiert den Content Stream in handhabbare Gruppen, und diese Gruppierung ist das, was assistive Technologien auswerten, wenn sie nicht der Tag-Struktur folgen.
Normative Grundlagen
Die Frage, welche Reihenfolge „die richtige“ ist, lässt sich eindeutig beantworten: Die Tag-Struktur ist die normativ maßgebliche Lesereihenfolge für barrierefreie PDFs.
ISO 32000 (PDF-Standard)
Der PDF-Standard ISO 32000-1:2008 (PDF 1.7) und sein Nachfolger ISO 32000-2:2020 (PDF 2.0) definieren die logische Struktur eines PDF-Dokuments in Abschnitt 14.7 (Logical Structure). Die Lesereihenfolge ergibt sich aus der Traversierung des Structure Tree:
The logical structure of a document is described by a hierarchy of objects called the structure hierarchy or structure tree. At the root of the hierarchy is a dictionary object called the structure tree root, located by means of the StructTreeRoot entry in the document catalog. [...] The K entry specifies the immediate children of the structure tree root, which are structure elements.
Der Standard definiert keine alternative Lesereihenfolge auf Basis des Content Streams oder eines Order-Panels. Das Lesereihenfolge-Panel ist ein Adobe-spezifisches Werkzeug ohne normative Grundlage im PDF-Standard.
ISO 14289 (PDF/UA)
Der Barrierefreiheitsstandard PDF/UA (ISO 14289-1:2014 für PDF/UA-1, ISO 14289-2:2024 für PDF/UA-2) formuliert explizite Anforderungen an die Lesereihenfolge:
Content shall be marked in the structure tree with semantically appropriate tags in a logical reading order.
PDF/UA stellt damit klar: Die logische Lesereihenfolge muss durch die Tag-Struktur abgebildet werden. Eine separate Order-Panel-Reihenfolge wird im Standard nicht erwähnt und ist für die Konformität irrelevant.
Bemerkenswert ist auch die Anforderung zu Artefakten: Dekorative oder nicht-inhaltstragende Elemente sollen als Artefakte gekennzeichnet und damit aus der Tag-Struktur ausgeschlossen werden.
WCAG 2.x
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) sind zwar primär für Webinhalte konzipiert, werden aber auch auf PDF-Dokumente angewandt. Das Erfolgskriterium 1.3.2 Meaningful Sequence (Sinnvolle Reihenfolge) fordert:
When the sequence in which content is presented affects its meaning, a correct reading sequence can be programmatically determined.
Für PDFs bedeutet dies: Die Tag-Struktur ist das Mittel, mit dem die korrekte Lesereihenfolge „programmatisch bestimmbar" gemacht wird. Die WCAG 2.2 PDF Techniques stellen klar:
The reading order of a PDF document is determined primarily by the tag order of document elements, including interactive elements, but the order of content within individual tags is determined by the PDF document's content tree structure.
Welche Technologie nutzt welche Reihenfolge?
Die Realität ist komplexer als die Norm: Nicht alle Technologien, die PDF-Dokumente vorlesen oder anderweitig zugänglich machen, werten die Tag-Struktur aus. Schätzungen aus der Fachwelt gehen davon aus, dass etwa 85 % der Screenreader-Nutzenden Technologien verwenden, die primär der Tag-Struktur folgen. Die verbleibenden 15 % nutzen Werkzeuge, die auf andere Reihenfolgen zurückgreifen.
Primär Tag-Struktur
Die folgenden assistiven Technologien und Betrachter werten primär die Tag-Struktur aus:
- JAWS (Windows) in Kombination mit Adobe Acrobat oder Reader folgt der Tag-Struktur. Bei fehlerhaften oder fehlenden Tags kann JAWS auf die Content-Stream-Reihenfolge zurückfallen — ein Verhalten, das als Fallback dient, aber nicht dem Idealfall entspricht.
- NVDA (Windows) verhält sich ähnlich wie JAWS und folgt bei getaggten PDFs der Tag-Struktur. Der EU-Leitfaden Testing publications with NVDA – PDFs bestätigt:
The sequence of the tags in the tree presents the reading sequence. A screen reader uses the Tags tree to navigate the document.
- VoiceOver (macOS / iOS) in Kombination mit Adobe Acrobat nutzt die Tag-Struktur, sofern das PDF korrekt getaggt ist. Die Unterstützung in der macOS-eigenen Vorschau-App (Preview) ist hingegen inkonsistent — Community-Berichte deuten darauf hin, dass Preview nicht zuverlässig der Tag-Struktur folgt.
- Firefox mit PDF.js ist ein interessanter Fall: Mozillas JavaScript-basierter PDF-Betrachter wertet nachweislich die Tag-Struktur aus. Tests zeigen, dass PDF.js Inhalte in der durch die Tags definierten Reihenfolge präsentiert — anders als Chromium-basierte Browser.
Primär Order-Panel-Reihenfolge / Content Stream
Einige Technologien nutzen nicht die Tag-Struktur, sondern die Order-Panel-Reihenfolge oder eine davon abgeleitete Reihenfolge:
- Adobe Read Aloud (die integrierte Vorlesefunktion in Adobe Acrobat und Reader) folgt nicht der Tag-Struktur, sondern der im Order-Panel dargestellten Reihenfolge. Eigene Tests bestätigen dieses Verhalten. Die Funktion ist daher nicht geeignet, um die Barrierefreiheit der Tag-Struktur zu prüfen.
- Chromium-basierte Browser (Chrome, Edge, Opera, Brave und andere) mit integriertem PDF-Betrachter (PDFium) nutzen ebenfalls die Content-Stream-basierte Reihenfolge. PDFium wertet die Tag-Struktur nicht für die Lesereihenfolge aus. Auch der integrierte Screenreader-Support in Chromium-basierten Browsern basiert auf dieser Reihenfolge, nicht auf der Tag-Struktur.
- TextHelp Read&Write, ein populäres Literacy-Tool besonders im Bildungsbereich, nutzt nachweislich die Content-Stream-Reihenfolge statt der Tag-Struktur. Die WebAIM-Mailingliste dokumentiert:
Read&Write from TextHelp [...] relies on the Content order rather than the tags.
- Speechify und ähnliche Text-to-Speech-Tools nutzen nach übereinstimmenden Berichten heuristische oder Content-Stream-basierte Reihenfolgen. Die genaue Implementierung ist nicht öffentlich dokumentiert, aber Praxisberichte zeigen, dass diese Tools bei inkohärenten Reihenfolgen falsche Resultate liefern können.
- Dragon Professional (ehem. Dragon NaturallySpeaking) ist primär eine Spracherkennungssoftware, kann aber auch zum Vorlesen von Dokumenten verwendet werden. Dabei wird nicht die Tag-Struktur ausgewertet.
Heuristische Reihenfolgen
Bei ungetaggten PDFs greifen die meisten Technologien auf heuristische Methoden zurück: Sie analysieren die visuelle Positionierung der Inhalte auf der Seite und leiten daraus eine Lesereihenfolge ab — typischerweise von links nach rechts, von oben nach unten.
Adobe Reader bietet in den Einstellungen unter „Lesen → Lesereihenfolge" drei Optionen für ungetaggte Dokumente:
- „Leserichtung aus Dokument ableiten" (heuristische Layout-Analyse)
- „Leserichtung von links nach rechts, von oben nach unten"
- „Leserichtung in Druckdatenstrom verwenden" (Content-Stream-Reihenfolge)
Diese Fallback-Mechanismen sind für ungetaggte Dokumente konzipiert und sollten bei korrekt getaggten PDFs nicht zum Einsatz kommen.
Die Praxis
Die normative Antwort ist klar: Die Tag-Struktur ist maßgeblich. Doch in der Praxis bedeutet das nicht, dass die Order-Panel-Reihenfolge ignoriert werden kann. Der pragmatische Rat lautet:
Tag-Struktur und Order-Panel-Reihenfolge sollten nach Möglichkeit synchron gehalten werden.
Wenn beide Reihenfolgen übereinstimmen, funktioniert das Dokument für das breitestmögliche Spektrum an Technologien. Diskrepanzen führen dazu, dass ein Teil der Nutzenden das Dokument in einer unlogischen Sequenz präsentiert bekommt.
Der Content Stream als dritte Reihenfolge ist — wie oben erläutert — nicht direkt steuerbar und für die praktische Arbeit weniger relevant: Das Order-Panel abstrahiert den Content Stream in eine handhabbare Form, und diese Abstraktion ist das, worauf es ankommt.
Exkurs: Die Tab-Reihenfolge
Neben den genannten Inhaltsreihenfolgen existiert in PDFs noch eine weitere Reihenfolge: die Tab-Reihenfolge. Diese bestimmt, in welcher Sequenz interaktive Elemente — also Links, Formularfelder und Annotationen — per Tastatur (↹ Tab-Taste) angesteuert werden.
Die Tab-Reihenfolge ist keine Inhaltsreihenfolge im eigentlichen Sinne: Sie betrifft nur interaktive Elemente, nicht den gesamten Dokumentinhalt. Die Konfiguration erfolgt in Adobe Acrobat Pro über die Seiteneigenschaften (Seitenminiaturen → Rechtsklick auf Seite → Seiteneigenschaften → Tab-Reihenfolge). Die Option „Dokumentstruktur verwenden" sorgt dafür, dass die Tab-Reihenfolge der Tag-Struktur folgt — eine empfehlenswerte Einstellung für barrierefreie Dokumente.
Reihenfolgen in Erstellungsanwendungen steuern
Die Synchronisation der Reihenfolgen beginnt idealerweise bereits in der Erstellungsanwendung — also dort, wo das Dokument erstellt wird. Je nach Software gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die späteren PDF-Reihenfolgen zu beeinflussen:
- Adobe InDesign unterscheidet zwei Mechanismen: Die Ebenen-Reihenfolge (von unten nach oben im Ebenen-Panel) beeinflusst, wie der PDF-Export den Content Stream aufbaut — und damit indirekt das, was später im Order-Panel erscheint. Die Artikel-Reihenfolge (Fenster → Artikel) hingegen steuert die Tag-Struktur im exportierten PDF. Beide Reihenfolgen müssen separat gepflegt werden. Ein häufiger Fehler: Objekte werden visuell korrekt auf der Seite platziert, aber ihre Ebenen-Reihenfolge entspricht nicht der logischen Lesereihenfolge.
- Microsoft PowerPoint bietet ein Panel namens „Lesereihenfolge" (Überprüfen → Barrierefreiheit überprüfen → Lesereihenfolge), das beide Reihenfolgen gleichzeitig steuert — sowohl die spätere Tag-Struktur als auch die Order-Panel-Reihenfolge. Das macht PowerPoint vergleichsweise einfach handhabbar, sofern das Lesereihenfolge-Panel konsequent gepflegt wird.
- Microsoft Word erzeugt beim PDF-Export in der Regel konsistente Reihenfolgen, solange das Dokument linear aufgebaut ist. Probleme entstehen bei absolut positionierten Elementen wie Textfeldern oder frei platzierten Bildern: Diese können im exportierten PDF an unerwarteten Stellen in der Reihenfolge auftauchen. Die Empfehlung lautet daher, in Word möglichst auf absolute Positionierung zu verzichten und stattdessen mit Inline-Elementen zu arbeiten.
Andere Programme (LibreOffice, Google Docs, diverse Web-to-PDF-Konverter) bieten oft keine explizite Möglichkeit, die Reihenfolgen zu steuern. Hier bleibt nur die nachträgliche Korrektur in Adobe Acrobat Pro.
Bearbeitungsreihenfolge in Adobe Acrobat Pro
Ein kritischer Hinweis für die Nachbearbeitung in Acrobat: Änderungen im Order-Panel beeinflussen die Tag-Struktur, aber nicht umgekehrt. Beim Verschieben von Elementen im Order-Panel versucht Acrobat, die Tag-Struktur entsprechend anzupassen. Änderungen im Tags-Panel hingegen haben keinen Einfluss auf das Order-Panel. Daraus ergibt sich eine wichtige Arbeitsregel:
Zuerst die Order-Panel-Reihenfolge korrigieren, dann die Tag-Struktur.
Wer in der falschen Reihenfolge vorgeht — also zuerst mühsam die Tag-Struktur perfektioniert und danach das Order-Panel bearbeitet — riskiert, dass die sorgfältig erstellte Tag-Struktur durch die Order-Panel-Änderungen wieder zerstört wird. Die umgekehrte Reihenfolge ist sicher: Erst das Order-Panel in Ordnung bringen, dann die Tag-Struktur verfeinern.
Ursachen für Diskrepanzen
In der Praxis entstehen Diskrepanzen zwischen den Reihenfolgen häufig durch:
- Layout-Software wie InDesign, die visuelle Objektanordnung unabhängig von der Tag-Reihenfolge behandelt
- Nachträgliche Bearbeitung einzelner Panels ohne Synchronisation der anderen
- Automatische Tag-Generierung, die nicht immer die visuelle Reihenfolge widerspiegelt
- Absolut positionierte Elemente in Word oder anderen Textverarbeitungen
- Kopieren und Einfügen von Inhalten, das die Reihenfolge durcheinanderbringen kann
Sonderthema: Artefakte und verborgene Inhalte
Ein verwandtes Thema betrifft die Behandlung von Artefakten: Inhalte, die als dekorativ oder nicht-inhaltstragend gekennzeichnet sind und daher nicht in der Tag-Struktur erscheinen. Typische Beispiele sind Kopf- und Fußzeilen, Seitenzahlen, dekorative Linien oder Hintergrundgrafiken.
Nach ISO 32000 und PDF/UA sollen Artefakte nicht an assistive Technologien weitergegeben werden. Screenreader, die der Tag-Struktur folgen, ignorieren Artefakte korrekterweise.
Problematisch wird es bei Betrachtungsanwendungen, die nicht der Tag-Struktur folgen: Chromium-basierte Browser mit PDFium geben auch als Artefakt gekennzeichnete Inhalte aus, da sie den Content Stream linear durchlaufen. Ein als Artefakt markierter Seitenhintergrund oder eine dekorative Fußzeile wird in diesen Browsern trotzdem vorgelesen — ein Verhalten, das nicht der PDF-Spezifikation entspricht, aber in der Praxis vorkommt.
Dieses Verhalten ist besonders relevant für PDFs, die primär im Web-Kontext genutzt werden: Viele Nutzende öffnen PDFs direkt im Browser, ohne Adobe Reader oder einen vergleichbaren Betrachter zu verwenden.
Demo-Dokument zum Selbsttesten
Um die Unterschiede zwischen den Reihenfolgen praktisch nachvollziehen zu können, stellen wir ein Demonstrationsdokument zur Verfügung. Das PDF enthält bewusst inkohärente Reihenfolgen:
- Ein Kontrollpunkt-Absatz ist visuell in der Mitte des Dokuments positioniert, steht in der Tag-Struktur aber am Anfang der Seite
- Ein Bonus-Abschnitt am Ende des Dokuments ist als Artefakt gekennzeichnet und erscheint daher nicht in der Tag-Struktur
Mit diesem Dokument lassen sich folgende Tests durchführen:
- Adobe Acrobat Pro: Das Tags-Panel und das Order-Panel vergleichend prüfen. Die unterschiedliche Reihenfolge der Elemente ist deutlich erkennbar.
- Screenreader-Test (NVDA / JAWS): Das PDF in Adobe Reader öffnen und mit den Pfeiltasten navigieren. Der Screenreader folgt der Tag-Reihenfolge.
- Adobe Read Aloud: Die Vorlesefunktion aktivieren (Ansicht → Sprachausgabe → Sprachausgabe aktivieren). Die Reihenfolge entspricht der Order-Panel-Reihenfolge, nicht der Tag-Struktur.
- Chromium-Browser: Das PDF in Chrome oder Edge öffnen (ohne installiertes Acrobat-Plugin). Der Bonus-Abschnitt (Artefakt) wird vorgelesen, obwohl er nicht in der Tag-Struktur enthalten ist.
- Firefox: Das PDF in Firefox öffnen. PDF.js folgt der Tag-Struktur und behandelt Artefakte korrekt.
Zusammenfassung
- Die Tag-Struktur ist normativ maßgeblich. ISO 32000, PDF/UA und WCAG definieren die Lesereihenfolge ausschließlich über den Structure Tree.
- Das Order-Panel ist ein Werkzeug, kein Standard. Es dient der Visualisierung und Reparatur, nicht als alternative Lesereihenfolge.
- Der Content Stream ist nicht direkt steuerbar. Er ergibt sich aus dem PDF-Export und ist für die praktische Arbeit weniger relevant als die Order-Panel-Reihenfolge.
- Etwa 85 % der Screenreader-Nutzenden verwenden Technologien (JAWS, NVDA), die der Tag-Struktur folgen.
- Etwa 15 % nutzen alternative Technologien, die auf die Order-Panel-Reihenfolge oder heuristische Methoden zurückgreifen. Dazu gehören Adobe Read Aloud, TextHelp Read&Write, Speechify und Chromium-basierte Browser.
- Für maximale Kompatibilität sollten Tag-Struktur und Order-Panel-Reihenfolge synchron gehalten werden.
- Bei der Nachbearbeitung in Acrobat zuerst das Order-Panel korrigieren, dann die Tag-Struktur — nicht umgekehrt.
- Artefakte werden nicht einheitlich behandelt. Während tag-basierte Technologien Artefakte korrekterweise ignorieren, geben Content-Stream-basierte Betrachter sie aus.
- Firefox / PDF.js ist eine Ausnahme unter den Browsern: Es wertet die Tag-Struktur aus und behandelt Artefakte normkonform.
Ressourcen
Weiterführende Informationen bieten unter anderem diese Quellen:
- ISO 32000-1:2008 (PDF 1.7) — kostenlos verfügbar von Adobe
- ISO 14289-1:2014 (PDF/UA-1) — kostenlos verfügbar über die PDF Association
- W3C PDF Techniques for WCAG 2.2
- Adobe Help: Edit document structure with Content and Tags panels
- The Accessibility Guy: Testing the Reading Order of a PDF
- PDF Association: Tagged PDF Best Practice Guide
- EU Accessibility Guide: Testing publications with NVDA – PDFs
- Chax Training Podcast: Do I Really Have to Set the Reading Order?
Joschi Kuphal
Erste Programmierungen als 10-Jähriger, ein Studium der Innenarchitektur, 2000 die Gründung der Agentur Tollwerk: Joschi ist bekannt als rastloser Tausendsassa. Designer, Entwickler und Veranstalter — als zertifizierter Experte für digitale Barrierefreiheit, BITV- und WCAG-Prüfer, Lehrbeauftragter und Mentor gibt Joschi sein Know-How leidenschaftlich gerne weiter.
Experte für Barrierefreiheit / CAO, Geschäftsführer, Mitglied der Geschäftsleitung
